Kultur des Räucherns

Das Entzünden von Räucherwerk gehört zu den ältesten rituellen Praktiken der Menschheit. Schamanen versetzten sich mit dem aufsteigenden Rauch bestimmter Hölzer, Harze und Blätter in Trance, Seherinnen inhalierten den Rauch von bewusstseinsverändernden Stoffen, um in Ekstase zu verfallen. Priesterinnen und Priester verbrannten Harze, um den Kontakt mit den Göttern und Göttinnen herzustellen. Mit Weihrauch wurden Dämonen beschworen oder vertrieben; Bauwerke wurden geweiht und gereinigt; Kranke und Besessene wurden mit köstlichen Düften oder stinkenden Gerüchen beräuchert.

Dem aromatischen Rauch wurden magische oder medizinische Eigenschaften zugeschrieben; er wurde bestimmten Gottheiten und Planeten zugeordnet. Aromatische oder berauschende Substanzen waren immer begehrt, waren heilig und wurden als kostbarer Schatz betrachtet. Der Wohlgeruch galt als paradiesische Prise, der Gestank verkündete die Anwesenheit des Teufels.

Noch heute wird bei katholischen Ritualen mit Olibanum (samt Verfälschungen!) geräuchert; noch heute inhalieren die asiatischen Schamanen den aufsteigenden Wacholderrauch; noch heute verbrennen die Prärieindianer Sage, um zum Grossen Geist zu beten; noch heute ist die Produktion von Räucherwerk ein wesentlicher Industriezweig in Indien und Japan. Auch in Mitteleuropa wird wieder geräuchert. Zunehmend erfreuen sich Menschen der Industrienationen an Weihrauch, Myrrhe und Zeder. Aber wie so typisch in einer Konsumgesellschaft - die meisten konsumieren fertige Räuchermischungen, von denen es heisst, sie würden dem eigenen Sternzeichen entsprechen, sie würden die Aussagekraft des Tarot verdeutlichen, sie würden zur Aktivierung der Chakren dienen, sie würden auch dort Liebe erzeugen, wo sich sonst nichts regt.

In esoterisch angehauchten Geschäften stehen die Planetenräucherungen neben den Astrologiebüchern. Venus - wunderbar! Es duftet so gut! Aber wer weiss schon, was sich hinter diesen Mischungen an Botanik, Chemie, Geschichte und Abenteuer verbirgt? In der esoterischen Literatur werden meist nur Rezepte, die von den Autoren oftmals nur abgeschrieben, aber niemals erprobt wurden, angesammelt; es wird von "Schwingungen" und magischen Auswirkungen geredet. Die Räucherstoffe an sich werden meist mit ein paar Zeilen abgespeist; die Beschreibungen wimmeln von Fehlern, vor allem was die Botanik, Chemie und Pharmakologie angeht.

Das vorliegende Buch ist in erster Linie eine Materialkunde aus ethnobotanischer Sicht. Es soll jenen dienen, die sich mit den Räucherstoffen näher befassen wollen. Ich möchte auch keine große Rezeptsammlung veröffentlichen, sondern eher zu Kreativität im Umgang mit Räucherstoffen anregen. Je mehr man sich mit den Naturprodukten beschäftigt, desto tiefer lassen sich die Mysterien der Natur, deren Kinder wir sind, ergründen. Die Welt der Aromen ist sicherlich ein Weg, sich direkt in das Herz der Natur zu begeben.

 

Quelle: Die Kultur des Räucherns