Typologie

Die folgenden Haupttypen lassen sich grob unterscheiden:

1.) Ein primärer Elementarschamanismus, verbreitet vor allem bei Sammlerinnen-, Fischer- und Jäger-Gesellschaften am Rand der Ökumene und weiter im Innern in abgelegenen, insulären Lagen.
Beispiel: Eskimo, Feuerland-Indianer, Australier.
Seine bestimmenden Züge: Der Schamane wird von Wildgeistern berufen, sein Klientel bilden Lokalgemeinschaften oder Verwandtschaftsgruppen. Seine Hauptaufgaben bestehen in der Sicherung des Jagderfolges, der Gesundheit und der Fortpflanzung der Gruppe, also insgesamt der Kontrolle und fürsorglichen Pflege der Tier- und Menschenseelen. Dazu bedient er sich der Ekstasetechnik, dass heißt er entäußert sich seiner Freiseele, und reist in Begleitung seiner Hilfsgeister ins Jenseits um dort nach den Ursachen des Geschehens auf der Erde zu forschen. Das Ritual bleibt auf das Notwendigste beschränkt, Drogen, Trachten und Utensilien finden entweder gar keine oder nur rudimentäre Verwendung.

2.) Ein sekundärer Komplexschamanismus, verbreitet vor allem in den angrenzenden Übergangsgebieten, dass heißt bei den Hirtennomaden Nord- und Innerasiens sowie tropischen Pflanzergesellschaften, zumal in solchen, bei denen die Jagd noch eine wichtige Rolle spielt. Das Klientel bilden weiterhin Verwandtschaftsverbände beziehungsweise die Dorfgemeinschaften die aus ihnen bestehen.
Es bleibt bei den genannten Hauptaufgaben und ihrer Bewältigung mittels Ekstase und Jenseitskontakten, dazu treten Züge, die sich aus der Sesshaftigkeit ableiten: Die Schamanen werden häufig von Ahnengeistern berufen, die ihnen dann auch später als persönliche Schutzgeister dienen. Das Amt ist hierbei oftmals erblich. Der Schamane führt, priesterliche Funktionen übernehmend, auch häuslich-familiäre (Geburt, Namengebung, usw.) und kommunale (etwa agrarische Riten) durch. Die schamanischen Seancen gewinnen an Komplexität und finden an bestimmten Kultstätten statt.
Der Schamane trägt dazu eine spezifische Tracht samt Accessoires. Die Trance wird mit Hilfe von gedanklicher Konzentration sowie Singsang, Rezitationen, rhythmischen Bewegungen und Tanz herbeigerufen. Auch halluzinogene Drogen werden verwendet. Die Bindung an den persönlichen Schutzgeist ist sehr eng, der Schamane muss ihm Opfer darbringen, damit er ihm hilft. Hier treten auch Schamaninnen häufiger auf als im Elementarschamanismus auf.

3.) Ein hochkulturlich-synkretistisch-islamistisch, lamaistisch, hinduistisch, schintoistisch, usw. überprägter Besessenheitsschamanismus, typisch vor allem für die bäuerlichen Dorfgesellschaften Südostasiens, also Tibet, Taiwan, Korea, Japan, teils auch Nepal. Deutlich überwiegend wird das Amt von Frauen ausgeführt.
Charakteristisch ist die lebenslange Bindung an eine bestimmte Geistmacht oder Gottheit die noch erkennbar die Züge der persönlichen Schutzgeister aus den vorher genannten Formtypen trägt. Sie wird geradezu kultisch, gewöhnlich in eigenen kleinen Tempeln verehrt, dass heißt sie empfängt regelmäßige rituelle Dienstleistungen und Opfer. Der Aufgabenbereich entspricht dem erweiterten Spektrum des Komplexschamanismus, zentral bleibt der Heilauftrag, es geht aber mehr um Voraussagen und Zukunftsprognosen, das Klientel ist die Dorfgemeinschaft.
Im Unterschied zum klassischen Schamanismus geht die Seele des Schamanen nicht mehr auf Reisen ins Jenseits, es handelt sich also nicht mehr um ekstatische sondern Besessenheitsseancen: der persönliche Partnergeist tritt in den Leib des Schamanen ein und heilt oder gibt Auskunft durch ihn.

Typisch für den Schamanismus gegenüber den gängigen Bessenheitskulten bleibt jedoch, dass der Schamane die Geistmacht freiwillentlich zu sich ruft, er ist kein passives Organ. Neben männlichen kamen also auch weibliche Schamanen vor, ihre Zahl und Bedeutung war in den sesshaft lebenden, also überwiegend agrarischen bäuerlichen Gesellschaften.

Im Elementar- und Komplexschamanismus dominierten dagegen bis auf wenige Ausnahmen immer die männlichen Schamanen. Sie galten institutionell als stärker als weibliche Schamaninnen. Dies führte daher, dass die Männer durch die Jagd, Handel und Krieg einen weitreichenderen Bewegungsradius hatten als die Frauen. Dies wirkte sich im Glauben auch auf die Seelenreise auf, bei welcher die Männer durch ihre Bewegungsfreiheit weiter reisen konnten. Die Schamaninnen behandelten manchmal eher leichtere Erkrankungen mit Kräutern, da sie durch die Sammeltätigkeit in diesem Bereich die größeren Erfahrungen hatten.

 

Autoren: Marc D., Daniela B., Tanja S., Bogdan I.-grauer-magier.de.tt
Quellen: Mihály Hoppál, Das Buch der Schamanen - Europa und Asien. Ullstein-Klaus E. Müller, Schamanismus: Heiler - Geister - Rituale. Beck