Runenmeditation 1

Der Phantasie und persönlichen Ausschmückung sind bei der Verwendung der hier vorgestellten Meditation keine Grenzen gesetzt. Dem aufmerksamen Beobachter ist es auch möglich, den eigenen, seelischen Entwicklungsstand im Runenkreis zu erkennen und daraus Schlüsse für den weiteren Lebensweg zu ziehen. Es ist anzuraten, sich den Text von einem lieben Menschen vorlesen zu lassen und dabei entspannt zuzuhören oder ihn auf eine Kassette zu sprechen und dieser zu lauschen. Die Meditation wurde für eine Gruppe entworfen, läßt sich aber leicht zur Einzelanwendung umschreiben. Es ist für die Durchführung der Meditation nicht erforderlich, die Runen zu kennen!

Wir stehen hier als große Bäume; einzeln, gemeinsam, wie ein dichter Wald. Der Wind liebkost unsere Blätter, wiegt uns hin und her. Wenn wir erstarren, bricht uns Vater Wind den Stamm, wenn wir nachgiebig mit uns selbst sind, vermag er uns zu wiegen wie die Mutter ihr Kind. Unsere Beine sind Wurzeln, unser Körper Stamm, unsere Arme Zweige. Die Wurzeln wachsen aus unseren Füßen, weiten sich aus im Grund von Mutter Erde, trinken Wasser aus unergründlichen Tiefen. Unsere Äste streicheln sanft die Äste des Nachbarbaumes. Wir sind ein ganzer, mächtiger Wald, doch jeder Baum steht für sich allein. Eines Tages kamen die Runenkräfte zu Besuch in den Wald. Zuerst erschien Fehu, die Kraft des Feuers, welche uns in jedem Frühjahr zu neuem, kraftvollen Leben erweckte und uns den Saft bis in die äußersten Blattspitzen trieb. Dann kam Uruz, die Kraft der Erde, uns fest im Erdreich verwurzelnd und gegen die Stürme des Lebens wappnend. Es folgte Thurisaz, die Riesenkraft, die uns beinahe durch ihren Besuch entwurzelte, bis wir gelernt hatten, selbst Riesen zu sein und unsere eigene Größe und Riesenkraft zu spüren. Ansuz kam des Weges mit wehendem Mantel, streichelte unsere Äste, bog sie und brach so manchen starren; sie ist die Kraft des Windes, des Geistes, welche uns vieles lehrte, was wir in unserem Leben noch nicht bedachten. Damit wir uns nicht in so vielen philosophischen Gedanken verlieren konnten, besuchte uns Raidho, die Kraft der Bewegung und des Rhythmus, welche uns wieder in Gleichklang mit uns selbst und all den anderen brachte, in Gleichklang mit der Erde, dem Wasser, dem inneren Feuer und der uns umgebenden Luft; mit allem, was war, was ist und was sein wird. Kenaz traf ein und hielt uns den Spiegel des inneren Erkenntnisfeuers vor, auf daß wir uns wiederfinden konnten unter all den anderen, die mit uns in diesem Wald standen. Ein Brennen ging durch unsere Seele ob dieser Einsicht,entflammte die Herzen und brachte uns zurück, zurück zu unserem wahren Sein. Darauf erschien Gebo, und wir erhielten alle ein großes Geschenk, das Geschenk des Gebens. "Jede Gabe wird mit einer Gegengabe vergolten", sagte uns Gebo zum Abschied, und seit dieser Zeit gingen wir freundlicher miteinander um. Wunjo stellte sich ein, gesellte sich unter uns, die Kraft der Lebensfreude erfüllte uns und sanft wiegten wir uns im aufkommenden Wind. Mit einem leisen Grollen trat Hagalaz in unseren Kreis, die Kraft des Heils und der Zerstörung, die Kraft der Hel; sie lehrte uns, in uns zu gehen, bis in die tiefsten Schichten des Stammes, um die Verfettungen aus früheren Zeiten zu erkennen, sie aus dem Innersten des Stammes an die Oberfläche zubringen und abzuschütteln, sie als das zu betrachten, was sie waren: vergangene Verletzungen. Kurz darauf folgte Naudiz, die Kraft der Not und der Wende, die uns das starre Gerüst der eigenen Vorstellungen brach, um uns eine frische Sicht des eigenen Seins zu ermöglichen. Plötzlich wandelte sich die Welt für uns, Isa erstand aus dem Nichts unseres Waldes, stand plötzlich in einem jeden von uns; und eine bis dahin unbekannte Festigkeit stellte sich ein, eine veränderte Sicht der Dinge, ein neues Gefühl gegenüber den anderen, den uns umgebenden Umständen, zu jedem Lebewesen auf Mutter Erde - gefolgt von einer Kraft, die uns stark und schwach zugleich sein ließ. Isa, die Kraft des "Ich bin!", war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war, hatte jedoch in uns allen etwas hinterlassen, und wir begriffen, daß wir nur als Einheit bestehen konnten, als ein Baum, ein Wald, eine Gemeinschaft und daß Naudiz wiederkäme, wenn wir der Meinung wären, alles seibst sein zu müssen und alles andere gäbe es nicht. Jera begrüßte uns mit einem wirbelnden Sog der Wandlung; das Rad der Zeit drehte sich, und wir waren einen Schritt weiter im Leben. Eiwaz kam daher, die Kraft des heiligen Weitenbaums, unseres Urahns in den unendlichen Weiten der Zeit - der Eibe, welche die ganze Welt umspannt und die Welt, die selbst ein Baum ist, ruhend in ihrer Mitte trägt; Eiwaz lehrte, uns die Verbindung zwischen dem Oben und Unten und den Umstand, daß alles, was oben, auch unten vorzufinden ist. Mit dem Eintreffen von Perthro wurden wir wiedergeboren als neue, gewandelte Wesen; ein neuer Zyklus begann, und wir hatten die Algiz-Kraft in uns gefunden, die ihre Kraft aufrecht stehend empfängt, die Zweige gen Himmel und die Wurzeln gen Mutter Erde gerichtet. Durch die Wolkendecke brach Sowilo, unsere Sonne, die uns wärmt und uns begleitet, wo wir auch immer sind, und die aus uns scheint, selbst wenn dicke Wolken am Himmel hängen. Tiwaz kam geflogen, zielgerichtete Kraft, Speer des Odin, Geistpfeil unserer Bestimmung; seine Kraft brach in uns auf, entwurzelte uns beinahe auf dem begierigen Weg zu unserem Ziel. Da gesellte sich Berkana, die große Mutter der Birken zu uns, bot Halt und erinnerte uns an die Geborgenheit, welche wir für einen kraftvollen Weg benötigten. Wir fanden schließlich die beiden vereint in uns, und ein neues Gefühl breitete sich aus: Dieses Gefühl war kraftvoll, entspannend und regelmäßig - ein riesiges Pferd kam daher, Ehwaz, die Kraft der Gemeinsamkeiten. Schnaubend und polternd stellte sich die Pferdekraft in unserem Wald ein; wir nahmen uns bei den Ästen, wissend darum, daß es nun an der Zeit war, zusammen zu leben, zu handeln und das Sein zu genießen. Ganz leise, aber sehr vernehmlich erschien Mannaz in unserer Mitte, und wir fanden die Gegensätzlichkeiten in uns, erkannten und verstanden sie, vermochten sie endlich anzunehmen. Jetzt verstanden wir das, was vor langer Zeit ein Wanderer gesagt hatte, als er durch unseren Wald lief und viele von uns in den Arm nahm: Die Menschen kamen nach den Pferden und ihre größte Schwierigkeit ist es, ihre zwei Leben in diesem Einen anzuerkennen. Über diese Erfahrung kamen uns die Tränen, die Tränen der Trauer und der Freude; das reinigende Wasser unserer Seele stieg durch die Seelenfenster ans Tageslicht und Laguz war auf Besuch gekommen, die Kraft des Wassers, des Gefühls, der Reinigung und des ewigen Wandeis. Danach blieb es eine ganze Zeitlang ruhig in unserem Wald. Diese Zeit war Ingwaz-Zeit, Zeit der Reife und Ruhe, der Besinnung und Erkenntnis. Unsere Seelen verdauten die Erneuerungen, wandelten sie um, wurden reicher und strahlender. Das Feuer von Dagaz ließ uns zurück ins Leben treten, und vor uns in der Dämmerung sahen wir den Weg, welcher zwischen den Extremen lag, zwischen dem ewigen Gut und Böse, Schwarz und Weiß; wir begannen, die grauen Wölfe zu verstehen, die manchmal durch unseren Wald trabten, und lebten fortan sehr ausgeglichen. Mit diesem inneren Frieden erreichten wir Othala, unsere Seelenheimat, die Heimat unserer Gemeinschaft, mit welcher wir unseren Weggehen würden auf alle Zeiten der Welt, und ein überirdisches Wohlbefinden breitete sich in uns aus, von den tiefsten Wurzeln über den Stamm bis hoch hinauf in die Äste.

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